Blog03.12.2021

Im Gespräch mit (einem) Typography Nerd

von casc

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Auf seiner Website Typography Nerd werden Fragen rund um die korrekten Striche oder Anführungszeichen einfach erklärt. Wir haben Ben, dem Mann hinter der Seite ein paar Fragen zu seiner Arbeit gestellt.

Seit wann gibt es Typography Nerd und was war deine Motivation die Seite ins Leben zu rufen? 

Typography Nerd wurde ursprünglich 2010 als Blog unter dem Namen Typolution gegründet – ein Wortmix aus Typografie, Solution und Revolution – und sollte über die neuen typografischen Möglichkeiten im Web berichten und darüber aufklären. Damals waren Webfonts (außerhalb der Systemschriften) gerade noch frisch und relativ unbekannt. Schon nach einigen Tagen hatte ich täglich an die 500 Seiten­besucher – was für mich als einen unbekannten und fachspezifischen Blog-Autor überraschend war. Nach und nach kamen dann auch weitere Themen, Verlosungen oder Berichte dazu. So berichtete ich zum Beispiel auch direkt von der damaligen TYPO BERLIN. Da der Name Typolution jedoch etwas sperrig und erklärungsbedürftig war, änderte ich zum neuen Konzept auch den Namen zu Typography Nerd. Aus einem Blog wurde somit eine Website mit unter­­schiedlichen Artikeln, Kursen, typografischen Arbeiten von Designern – für alle Typography Nerds auf dieser Welt. Ich wollte, dass sich die Typografie-Freunde mit diesem Namen besser identifizieren konnten.

Gute Typografie hat viele Eigenschaften. Zum Beispiel kann sie durch gute Lesbarkeit oder einpräg­same Optik einem Design zum Erfolg verhelfen.

Woher kommt dein persönliches Interesse
an Typografie? 

Ich komme ursprünglich aus der Buchbranche und habe dadurch schnell die Liebe zur Detailtypografie gefunden. Schriften und Typografie waren für mich ein wesentliches Gestaltungsmittel/-element in jedem Design. Das hat mich bis heute nicht losgelassen. Ich mag die klassischen Regeln, wie korrekt gesetzte Ligaturen, aber auch die experimentelle Typografie, die bewusst und gekonnt mit traditionellen Gewohnheiten und Vorgaben bricht. 

Warum sollten sich mehr Leute für gute Typo­grafie begeistern können? 

Gute Typografie hat viele Eigenschaften. Zum Beispiel kann sie durch gute Lesbarkeit oder einpräg­same Optik einem Design zum Erfolg verhelfen. Mittlerweile beschäftigen sich die Menschen auch immer mehr mit guter Typografie und haben durch Free Fonts auch die Vielfältigkeit kennengelernt. Auch Unternehmen legen inzwischen immer mehr Wert auf gute Typografie und lassen sich vermehrt ihren eigenen Corporate Font (Hausschrift) entwickeln.

Du hast Typography Nerd nicht nur designt, sondern auch programmiert. 

Auch wenn meine Wurzeln im klassischen Print-Bereich liegen, spielt beim Design – vor allem im Corporate Design – das Web eine wichtige und wesentliche Rolle. Somit habe ich mich durch meinen Beruf auch verstärkt mit dem Webdesign, User Interface und User Experience beschäftigt, sowie auch mit der Technik dahinter. Um diese besser zu verstehen, habe ich mir selbst das Coden beigebracht. Vor allem auch, um meine eigenen Designs – wie zum Beispiel Typography Nerd – selbst umsetzen zu können, da ich keine fertigen Themes/Templates verwenden wollte. 

Was ist für dich das Schlimmste an schlechter Typografie? 

Wenn sie zum Beispiel den Zweck nicht erfüllt und somit an der Zielgruppe bzw. am Leser vorbei gestaltet und nicht auf deren Bedürfnisse eingeht. Ebenso ist es für mich auch unschön, wenn man dem Layout anmerkt, dass der Typografie keine Beachtung geschenkt wurde. Das macht sich oft an lieblosen Trennungen oder einer belanglosen Schriftwahl bemerkbar. Ganz abgesehen davon, wenn man an Schriften quält, indem man sie willkürlich verzerrt oder ihnen Effekte verpasst.

Was sind die kleinen Dinge, auf die auch Laien achten können, damit ihnen diesbezüglich kein Fauxpas passiert? 

Es gibt viele Alltagsfehler wie doppelte Leerzeichen, falsch gesetzte Anführungszeichen, das x, welches als Mal-Zeichen genutzt wird, oder auch schlechter Blocksatz. Viele Fehler lassen sich schon durch die Tipps auf typographynerd.de vermeiden. Mit einem harmonischen Zeilenabstand, sinnvollen Trennungen oder einer passenden Schriftwahl erhält man schon ein gutes Satzbild.

Schriften haben auch eine Seele. Das bedeutet, dass man sie nicht quälen darf und soll. Somit sind extreme Effekte oder Verzerrungen eher schmerzhaft. Nicht nur für die Schrift selbst.

Was sind die wichtigsten Dinge, die bei Web-Typografie vs. Print-Typografie zu beachten sind? 

Bis heute bin ich noch nicht so richtig mit der Silben­trennung [im Web] zufrieden. Es besteht zwar die Möglichkeit, eine automatische Silbentrennung einzubinden, jedoch lässt sich diese nicht bis ins Detail definieren. Somit ist es auch möglich, dass eine Vor­­silbe aus zwei Buchstaben entstehen kann. Das sieht vor allem bei längeren Wörtern seltsam aus. Dies kann man leider nur verhindern, indem man selbst mühsam alle Wörter im Text mit manuellen Trennfugen versieht. Für den Alltag ist das jedoch fast nicht umsetzbar. Ansonsten gibt es für vieles eine Lösung, was auch im Print möglich wäre. Man muss nur darauf bedacht sein, dass die Typografie im Web – im Gegensatz zu Print – flexibel sein muss. Durch unterschiedliche Ausgabegeräte wie Smartphones, Tablets, Notebooks und große Desktop-Monitore gibt es ziemlich viele Variablen. Das erschwert die Arbeit – macht sie aber nicht unmöglich.

Wieviel Feedback hast du bereits zu Typography Nerd erhalten? 

Bisher fast nur positives. Ich bekomme immer wieder nette Nachrichten, die mich ermutigen, die Website weiterhin zu betreiben. Zum Beispiel teilen mir Dozenten mit, dass sie mich in ihren Vorlesungen als Tipp erwähnen. Aber auch außerhalb der Grafik­szene erhalte ich Feedback. Zum Beispiel schrieb mir auch schon eine Sachbearbeiterin, die sich für das Erklären der richtigen Anführungs­zeichen bedankt hatte. 

Welche Entwicklungen und Trends erwarten uns im typografischen Bereich?  

Den einen Trend gibt es für mich eigentlich nicht. Eher parallel zueinander verlaufenden Entwicklungen. Wo früher sehr dünne Schriftarten beliebt waren, sind es inzwischen die dominanteren Bold-Fonts. Jedoch muss es für mich auch immer zur Marke und Zielgruppe passen. In den letzten Jahren ließ sich zudem auch ein interessanter Typo-Trend – parallel zu den klassischen Schriften – beobachten: das Handlettering. Der Einsatzzweck ging hier von der selbstgemachten Einladungskarte bis hin in die kommerzielle Werbung. Schön fand ich es hier, dass auch Branchenfremde großes Interesse darin fanden und durch (Online-)Kurse oder Bücher sich die Kunst des Handletterings selbst angeeignet haben.

Typography Nerd’s Do’s and Don’ts:

  • Die passende Schrift für jeden Zweck zu finden. Jede Schrift hat einen eigenen Charakter, welche quasi nur darauf wartet für bestimmte Designs eingesetzt zu werden.
  • Sich von typografischen Regeln nicht einschüchtern zu lassen. Für Regelbrüche muss keiner mit einem Bußgeld rechnen. Sie sollten eher dabei helfen ein gutes und schönes Satzbild zu erzielen.
  • Schriften haben auch eine Seele. Das bedeutet, dass man sie nicht quälen darf und soll. Somit sind extreme Effekte oder Verzerrungen eher schmerzhaft. Nicht nur für die Schrift selbst.
  • Wie in vielen Bereichen ist weniger mehr. Man sollte darauf achten, innerhalb eines Layouts nicht zu viele Schriftarten, -größen und -formatierungen zu verwenden. 

Ben, der “Typography Nerd”:

Gestartet bin ich in der Buchgestaltung. Daraufhin wechselte ich in ein Gestaltungsbüro und zu einer Brand-Design-Agentur. Inzwischen bin ich als Senior Art Director in der Marketing- und Kommunikationsabteilung eines Unternehmens tätig und betreibe Typography Nerd als private Leidenschaft.

typographynerd.de